Der wirtschaftspolitische US-Korrespondent Jens Korte hat gestern in Biel referiert. Er erklärt, warum Hillary Clinton die Masse nicht überzeugt hat und weshalb gemäss Wallstreet Donald Trump das Rennen macht.

Jens Korte, verglichen mit den bisherigen Wahlkämpfen kommt der aktuelle einer Farce gleich. Sie arbeiten nun seit 15 Jahren als wirtschaftspolitischer Korrespondent in New York – haben Sie so etwas schon einmal erlebt?

Jens Korte: Nein. Das geht nicht nur mir so, das bestätigen mir auch Leute, die seit Jahrzehnten politisch aktiv sind. Der Wahlkampf ist komplett aus dem Ruder gelaufen. Donald Trump hat mit sehr vielen Tabus gebrochen. Er hat mit «Lock her up!» gefordert, die Gegenkandidatin ins Gefängnis zu sperren – das hat es noch nie gegeben. Wir leben nicht in Russland oder der Türkei, wir leben in einem demokratischen Land.

Wie ist die Stimmung an der Wallstreet, in der Endphase des Wahlkampfes?

Sie ist abwartend. In den zwei Wochen vor der Wahl ging es mit den Kursen abwärts. In der Vergangenheit hat dies auf einen Wechsel der regierenden Partei hingedeutet. Sollte sich die Geschichte wiederholen, würde gemessen an der Wallstreet also Donald Trump als Wahlsieger hervorgehen. Grundsätzlich haben sich die Kurse besser geschlagen, wenn die die Wallstreet das Gefühl hatte, dass Hillary Clinton in Front liegt. Lag Trump vorne, gab es eher Druck auf die Märkte. Die Wallstreet ist also eher für eine Präsidentin Hillary Clinton.

Ist heute Nacht mit einer bösen Überraschung wie beim Brexit zu rechnen oder kann man getrost schlafen?

Der 23. Juni, also der Tag des Brexit-Entscheids, hat gezeigt, dass alles möglich ist und man den Umfragen nicht trauen kann. Ich bin noch immer der Meinung, dass Hillary Clinton es schafft, auch wenn die Wahl knapp wird. Das Stammklientel von Donald Trump sind frustrierte, weisse Männer. Er wird die Stimmen der Latinos, der Schwarzen, der Frauen und den Jungen nicht erhalten. Dennoch: Knapp die Hälfte der Amerikaner wird für Donald Trump stimmen.

Der E-Mail-Skandal hat Hillary Clinton geschwächt. Nun gab das FBI bekannt, es gebe keinen Hinweis auf kriminelles Verhalten von Clinton. Ist das die definitive Wende im Wahlkampf oder ist es zu spät?

Es ist fast schon zu spät. Jene Amerikaner, die den E-Mail-Skandal für wichtig befinden, werden nach wie vor glauben, dass Hillary Clinton keine ehrliche Person ist.

Wie können Sie sich erklären, dass eine derart grosse Menge – auch gut gebildeter Bürger – Donald Trump wählen wird?

In der Tat verdient der durchschnittliche Trump-Wähler etwa 10 000 Dollar mehr als der durchschnittliche Clinton-Wähler. Die meisten davon wählen aber nicht Donald Trump, sondern die republikanische Partei. Über 80 Prozent der Bundesstaaten wählen stets die selbe Partei. Was man nicht verkennen darf, und das ist beim Brexit letztlich ähnlich: Viele Amerikaner sind in den letzten Jahrzehnten immer mehr abgesackt. Durch die Digitalisierung sind viele Jobs im Mittelstand gefährdet. Diese Leute sind unzufrieden und wählen – vielleicht auch aus Protest – jemanden, der mit Washington überhaupt nichts zu tun hat.

Angenommen, Donald Trump wird gewählt – warten weltweit Börsenbeben auf uns?

Normalerweise wirken sich politische Ereignisse nur kurzfristig auf die Börse aus. Eine alte Börsenweisheit besagt: «Politische Börsen haben kurze Beine». Das hat man auch beim Brexit gesehen. Bei einem Wahlsieg von Donald Trump wird es vermutlich ähnlich ablaufen: Kurzfristig wird es Turbulenzen geben, mittelfristig ist das aber nicht sicher.

Was würde dies für die Schweiz, insbesondere den Schweizer Franken bedeuten?

In der Tendenz steht Donald Trump für mehr Unsicherheit, er würde die USA stärker auf sich selbst ausrichten und nicht mehr so stark im Handel aktiv sein. Das würde den amerikanischen Dollar drücken und somit den Franken gegenüber dem Dollar nach oben treiben.

Trump hat radikale Pläne für die USA: Die Mauer zu Mexiko, die Freihandelsverträge auf Eis legen – wie wahrscheinlich ist es, dass Trump seine Pläne in die Tat umsetzt?

Der amerikanische Präsident hat relativ viel Spielraum, wenn es um Aussenpolitik geht. Ob er die wirtschaftspolitischen Pläne durch den Kongress bringen kann, hängt insbesondere davon ab, wie die Kongresswahlen ausgehen. Momentan scheint das Repräsentantenhaus die republikanische Mehrheit zu behalten. Der Senat ist völlig offen. Es ist durchaus möglich, dass die Republikaner alles dominieren. Dann hat Trump definitiv die besseren Chancen, seine Pläne durchzuboxen. Womöglich wird er dann auch die entscheidende Stelle am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten besetzen: Es gibt momentan nur acht Bundesrichter, einer ist verstorben. Besetzen die Republikaner auch diese Stelle, wird es gesellschaftlich einen deutlich konservativeren Kurs geben. Bei dieser Präsidentschaftswahl steht also enorm viel auf dem Spiel.

Wäre mit der Wahl Donald Trump die US-Demokratie am Ende?

Das ist möglicherweise extrem formuliert. Aber es gibt durchaus Leute, die sagen: Was wir hier sehen, ist kein Wahlkampf, sondern eine Staatskrise. Das Land ist gespalten, die republikanische Partei ist komplett zerstritten.

400 Ökonomen haben in einem offenen Brief vor Trump als Präsidenten gewarnt. Vor anderthalb Monaten haben 300 andere Ökonomen vor Clinton gewarnt – wer schadet der Wirtschaft nun mehr?

Donald Trump wäre das grössere Übel. Er weiss nicht, wie die politischen Mechanismen funktionieren. Hillary Clinton weiss, worauf sie sich einlässt. Aber auch sie wird nicht alles umsetzen können. Sie will im ersten Jahr ihrer Präsidentschaft zehn Millionen Arbeitsplätze schaffen. Das ist nicht realistisch.

Bereits nach der entlastenden FBI-Meldung reagierten die Märkte positiv. Erleben die Märkte bei Clintons Wahl einen Höhenflug?

Die Märkte favorisieren Hillary Clinton. In der Tendenz wäre es eine Erleichterung, wobei die meisten auch davon ausgehen, dass Hillary Clinton die Wahl gewinnt. Mehr hängt davon ab, ob Donald Trump die Wahl anerkennen wird oder nicht. In der Vergangenheit wurde sie stets anerkannt – selbst 2000 von Al Gore. Letztlich richten sich die Märkte aber mehr nach der Wirtschaft. Kurz vor Weihnachten ist eine wichtige Sitzung der Amerikanischen Notenbank – dieser Zinsentscheid ist wohl mittelfristig genauso wichtig wie die Präsidentschaftswahl.

Was trauen Sie Hillary Clinton als Präsidentin zu?

Hillary Clinton ist keine Visionärin, so wie es Barack Obama war. Deshalb hat sie es nicht geschafft, die Masse der Amerikaner hinter sich zu bringen. Die Bildung ist ihr sehr wichtig. Aber um das Bildungssystem zu verändern, braucht es Geld und Bereitschaft, das Gleiche gilt für ihre geplanten Infrastrukturmassnahmen.

Das Land ist gespalten, die Probleme bleiben auch nach der Wahl bestehen. Welche Massnahmen müssen in jedem Fall ergriffen werden?

Die Bildungspolitik muss in Angriff genommen werden. Seit geraumer Zeit befinden wir uns durch die Digitalisierung in einem gewaltigen Umbruch. Viele Jobs braucht es nicht mehr. Das betrifft nicht nur den klassischen Fabrikarbeiter, auch in der Finanzindustrie, der Logistik oder im öffentlichen Verkehr sind Jobs gefährdet. Dort müsste man ansetzen.

Wie werden Sie die Wahlnacht verbringen?

Ich bin in der Schweiz und werde die Wahl für das Schweizer Radio und Fernsehen mitverfolgen. Schlafen werde ich vermutlich keine Minute.

Erschienen im «Bieler Tagblatt» vom 8. November 2016