INTERVIEW  Die Ipsacherin Leonie Eicher ist überzeugt, dass die korrekte Einrichtung uns ins Gleichgewicht bringt – und die falsche uns wiederum Energie raubt. Zu Letzterem zählen laut der Feng-Shui-Beraterin zu viele Fenster oder ein Bett in die falsche Himmelsrichtung.

Leonie Eicher, wann haben Sie das letzte Mal schlecht geschlafen?

Leonie Eicher: (überlegt.) Gerade letzte Woche. Wahrscheinlich, weil ich zu viel um die Ohren hatte.

An der Einrichtung kann es also nicht gelegen haben.

Nein, definitiv nicht. Nach Feng Shui ist es sehr wichtig, wie man schläft. Das Schlafzimmer soll eine Erholungsoase sein.

Was heisst das konkret?

Spiegeln gehören nicht ins Schlafzimmer. Genauso wie zu viel Elektronik, also kein Fernseher, kein Radiowecker und das Handy nicht auf dem Nachttisch. Auch Balken über dem Bett und gerenerell zu viele Dinge im Schlafzimmer sind nicht gut. Das Bett sollte zudem in eine persönlich günstige Richtung stehen.

«Persönlich günstig» bedeutet?

Das wird nach Geburtsjahr, also nach dem chinesischen Sternzeichen, berechnet. So weiss man, welches die richtige Himmelsrichtung für einen ist, um gut zu schlafen. Ich beispielsweise schlafe deshalb in Richtung Südosten.

Ihre Schlafzimmereinrichtung passt sich also dem Bett an.

Nicht nur das. Ich habe mein Haus vor acht Jahren so gebaut, dass sich das Schlafzimmer nach Südosten richtet. Ich habe viel Energie – auf solche Dinge wertzulegen, trägt bestimmt dazu bei.

Was macht für Sie denn Feng Shui aus?

Feng Shui ist eine über 3000 Jahre alte, östliche Energie- und Harmonielehre. Einerseits gehört die angesprochene Kompassschule dazu, andererseits die Formenschule, wo speziell auf die Form der jeweiligen Gegenstäde geachtet wird. Das Ziel ist nichts anderes, als die Energie richtig zu lenken und damit in der Kraft zu bleiben – also sich wohlzufühlen.

Stört es Sie denn, in die Esoteriker-Ecke gedrängt zu werden?

Doch, manchmal habe ich damit zu kämpfen. Für mich ist Feng Shui nichts Esoterisches, es gründet auf vielen Berechnungen und Erfahrungswerten. Zudem ist es schlicht ein gutes Hilfsmittel im Alltag, um sich wohlzufühlen.

Worauf gründen denn diese Annahmen, gerade am Beispiel des Geburtsjahres mit den Himmelsrichtungen?

Es hat einen Zusammenhang mit dem «I Ging», das sogenannte Buch der Wandlungen, und mit der Lehre der fünf Elemente: Wasser, Holz, Feuer, Erde, Metall. Die Chinesische Medizin hat dieselbe Grundlage wie Feng Shui. Es gibt auch die zwölf Tierkreiszeichen nach dem Chinesischen Geburtsjahr, also ab Februar. Jedem Tierkreiszeichen werden gewisse Eigenschaften zugeordnet.

Feng Shui ist für Sie also eine Wissenschaft?

Ja. Es basiert auf altem Wissen und Erfahrungswerten. Und es kann auf sämtliche Lebensbereiche übertragen werden. Das fängt schon mit einem guten Büroplatz an. Fühlt man sich an seinem Arbeitsplatz wohl, arbeitet man effizienter und bleibt auch gesünder. Der beste Platz im Büro ist jener, mit einer Wand im Rücken, wo man sich geborgen fühlt und sieht wer zum Büro herein kommt.

Feng Shui hat also in erster Linie mit unserer Psychologie zu tun?

Ich bin überzeugt, dass es nicht nur Psychologie ist. Wenn man beim Schlaf schutzlos ist, nimmt dies der Körper auch beim Schlafen wahr. Und: Feng Shui wirkt selbst dann, wenn man nicht daran glaubt.

Feng Shui hat sehr viel mit der Einrichtung zu tun. Was sagt denn die Einrichtung über einen Menschen aus?

«Zeige mir dein Haus und ich sage dir, wer du bist» lautet eine Theorie von Feng Shui. Führe ich eine Feng-Shui-Beratung durch, sieht man oft schon an der Einrichtung die wichtigsten Lebensthemen der Personen. Jede Himmelsrichtung hat ein dazugehöriges Lebensthema, etwa der Norden für die Karriere und den Lebensweg, der Osten für Familie und Tradition oder der Süden für Ruhm und Anerkennung. Diese kann man auch bewusst stärken. Sagt mir jemand, dass es im Beruf nicht gut läuft, kann man etwa die Nordwand im Haus blau streichen, ein Wasserbild oder einen Brunnen anbringen. Je nach Himmelsrichtung nimmt man die entsprechenden Korrekturen vor, zum Beispiel mit einem Rosenquarz, einem Kristall, einer Pflanze oder einem Spiegel.

Was sind häufige Fehler bei der Einrichtung?

Spiegel im Schlafzimmer oder direkt gegenüber des Eingangs oder eines Fensters. Oder wenn die Leute zu viele Sachen haben und alles überstellt ist – dann kann die Energie nicht fliessen. Auch zu viele Fenster sind ungünstig: Der Mensch fühlt sich dann zu wenig geborgen. Alles in weiss gehalten finde ich als Farb-Beraterin auch schade.

Die moderne Architektur ist also eher hinderlich für Feng Shui?

Das will ich nicht sagen. Viele Teile der heutigen Architektur sind ganz im Sinne von Feng Shui: Etwa klare und schlichte Formen. Ungünstig sind beispielsweise L-Förmige Häuser, bei denen der ganze Südwesten, die Himmelsrichtung der Frau und der Partnerschaft, fehlt.

Feng Shui nimmt aber nicht nur Einfluss auf die Einrichtung, sondern auch auf die Ernährung. Bei Ihnen auch?

Es gibt die Ernährung nach den fünf Elementen. Ich kenne es, zähle es aber nicht zu meinem Themengebiet. Ich esse ganz normal. Dennoch hat Feng Shui in meinem Leben nicht nur auf die Einrichtung Einfluss. Ich sehe vieles anders, seit ich mich mit Feng Shui befasse. Zum Beispiel, dass man sich immer auf das Gute fokussiert. Dann erhält man es auch.

Wie kamen Sie denn selbst zu Feng Shui?

Ich kannte Feng Shui schon länger, damals gab es einen regelrechten Hype darum. Ich habe zuvor 20 Jahre als Pflegefachfrau gearbeitet. Darum weiss ich: Mit Feng Shui kann man zwar keine Krankheiten heilen, aber den Menschen eine Umgebung schaffen, damit es ihnen besser geht und sie in der Kraft bleiben. Mit 40 hatte ich schliesslich das Gefühl, ich will nun etwas anderes. Dann habe ich mit 42 die Ausbildung zur Feng-Shui-Beraterin begonnen und mich mit 46 selbständig gemacht.

Sie waren dem Thema gegenüber also von Beginn an positiv eingestellt?

Ja, es faszinierte mich. Mit der Ausbildung in Zürich und in Deutschland lernte ich immer mehr über Feng Shui, was meine Faszination noch weiter verstärkt hat.

Was fasziniert Sie denn daran?

Dass ich viel bewirken und gleichzeitig kreativ sein kann.

Wie hat Ihr Umfeld auf Ihren plötzlichen Wandel reagiert?

Viele reagierten mit einem «Gehts noch?». Der Beruf sei zu unsicher, hiess es. Verständnis hatten nur wenige. Aber ich war risikofreudig und wollte dies durchziehen. Das bereue ich bis heute nicht.

Man kann also gut davon leben?

Eigentlich nicht. Ich bin im Vorstand vom Feng-Shui-Verband Schweiz und weiss deshalb, dass es nur sehr wenige gibt die davon leben können. Ich kann davon leben, weil ich zusätzlich Farbdesignerin und Innenarchitektin bin und deshalb ein breiteres Angebot habe.

Sie leben in Ipsach. Das ländliche Seeland gilt eher als konservativ. Spüren Sie das?

Ja, das merkt man. Ich nehme Aufträge in der ganzen Schweiz war, im Tessin, in Zermatt, in Klosters, Davos oder Zürich. Im Seeland habe ich eher wenig Aufträge. Wenn ich zu Seeländer Kunden nach Hause gehe, sind sie manchmal skeptisch, fragen sich, was hier für eine «Esoterik-Frau» daherkommt. Das bin ich aber nicht.

Zermatt, Klosters, Davos – Feng Shui ist also eher etwas für die gehobene Kundschaft?

Nein. Grundsätzlich kann jeder von einer Feng Shui Beratung profitieren, auch Menschen mit bescheidenerem Budget.

In welchem Rahmen bewegt man sich also kostenmässig?

Eine Feng-Shui-Beratung mit Farbkonzept für ein mittleres Haus kostet zwischen 1800 und 2500 Franken. Bei einer Villa sind es vielleicht 3500 Franken. Für mittelständische Personen ist das durchaus erschwinglich, wenn man sich dies gönnen möchte. Ich begleite auf Wunsch auch Leute, die ein Haus bauen, über die gesamte Bauzeit. Da arbeite ich dann eher mit modulartigen Pauschalen oder nach Stundenansatz.

Was gehört in diesem Fall zu ihren Aufgaben?

Es fängt beim Grundstück an. Wenn sie mehrere Grundstücke zur Auswahl haben, dann kann ich bereits zur besten Variante raten. Dann berechne ich die ideale Ausrichtung des Hauses nach Feng Shui. Desweiteren geht es um die jeweils perfekten Orte und Ausrichtungen für das Elternschlafzimmer, das Zimmer des jeweiligen Kindes oder die Küche.

Um den Kreis zu schliessen: Die meisten Ehepaare haben wohl nicht dasselbe Geburtsjahr. Raten Sie folglich zu getrennten Schlafzimmern, damit jeder im ideal ausgerichteten Bett schlafen kann?

(Lacht.) Nein. Ich habe es zwar so gelernt, meine damalige Ausbildnerin legte grossen Wert darauf. Aber ich sehe das anders: Sollten die Ehepartner tatsächlich komplett entgegengesetzte ideale Himmelsrichtungen haben, dann ist es Abwägungssache. Ich achte dann mehr auf den «schwächeren» Teil der Partnerschaft. Für diesen ist die ideale Ausrichtung wichtig. Und jene Person, die gerade mehr in der Kraft ist, hält auch eine nicht ideale Ausrichtung beim Schlafen aus. Ich ermutige solche Paare nur zu getrennten Schlafzimmern, wenn etwa der eine Partner laut schnarcht oder sie einen komplett anderen Schlafrhythmus haben. Sonst spricht laut Feng Shui nichts gegen ein gemeinsames Schlafzimmer.

Zur Person
Institut für europäisches Feng Shui
Farbdesignerin STF und Innenarchitektin
Vorstandsmitglied im Berufsverband
Buch «Magie des Bauens
Mehr Infos: http://www.magiedesbauens.ch 

Erschienen im «Bieler Tagblatt» vom 29. Oktober 2016