INTERVIEW  Der Wirtschaftspublizist Beat Kappeler hält die Geldpolitik der Notenbanken für «schändlich und stupid», wie er am KMU-Anlass der BEKB Biel am Montag erklärte. In seinem neuen Buch «Staatsgeheimnisse» nennt er zudem Fakten, die jeder Bürger kennen sollte.

Beat Kappeler, haben Sie Vertrauen in unseren Staat?

Beat Kappeler: Schon mehr als früher. Nach all den Gremien, in denen ich schon war, kenne ich den Staat. Ich weiss, wie man sich wehrt.

Als Autor wollen Sie grundsätzliche falsche Mechanismen aufzeigen. Wo liegen denn die wunden Punkte unseres Staates?

Vor allem die übermässigen Regulierungen haben bedrohliche Ausmasse angenommen – es herrscht ein regelrechter Regulierungs- und Verordnungswahn. Solche Strukturstarrheiten darf sich die Schweiz nicht leisten. Weiter sind es Währungs- und Geldvermehrungsfragen. Auch das Übergewicht der Landwirtschaft erfüllt mich mit Sorgen.

Die «Staatsgeheimnisse» in Ihrem Buch sind eigentlich jedem zugänglich, der sich mit der Materie befasst. Sind die Schweizer also schlicht zu wenig kritisch?

Vieles sind Fragen, die einfach niemand stellt. Etwa das Beispiel der Sprachen: Welches Gesetz legt die Sprachgrenzen in der Schweiz fest? Es gibt keines. Die Gemeinden entscheiden selbst, ob sie etwa deutsch- oder französischsprachig sind. Oder das Panaschieren: Der Stimmbürger bricht damit die Macht der Parteien. Das ist vielen Leuten gar nicht bewusst.

Welche Einsicht sollte denn der Schweizer Bankkunde unbedingt erhalten?

Mein Appell ginge wohl eher an die ausländischen Notenbanken, damit diese ihre schändliche Geldpolitik einstellen. Die amerikanische, die europäische und die japanische Zentralbank schöpfen in einer frivolen Art und Weise Geld, was den Franken in die Höhe getrieben und die SNB gezwungen hat, mitzumachen. Dem Bankkunden hingegen sollte bewusst sein, dass das Bankensystem, so wie es seit etwa 70 Jahren betrieben wird, grundsätzlich instabil ist. Es nimmt kurzfristige Gelder ein und leiht sie langfristig aus. Die Ausleihungen an andere Banken werden zu deren Einlagen. Und diese wiederum werden langfristig ausgeliehen. Das Bankensystem schöpft mit seinen kaskadenartigen Weiterleihungen also Geld – was Aufgabe der Notenbanken wäre.

Blickt man auf die Währungspolitik seit der Finanzkrise, erhält man den Eindruck, wir befinden uns in einer nicht endenden Abwärtsspirale.

Ja, ich bin pessimistisch, wenn es so weitergeht. Seit der Finanzkrise sind in der westlichen Welt für jeden Dollar mehr Wirtschaftswachstum 3,70 Dollar mehr Schulden geschaffen worden. Das geht nicht auf. Normalerweise müsste eine Schuldenkrise, wie wir sie vor acht, neun Jahren hatten, in den folgenden Jahren mit Sanierungen abgetragen werden. Das geschah nicht, man hat keine Sanierungen eingeleitet, sondern immer noch mehr Schulden gemacht.

Wo endet die Spirale?

Entweder die Notenbanken, die Staatsobligationen aufgekauft haben, wälzen sie weiter oder sie streichen diese. Schon heute sind Staatsschulden im Keller der Notenbanken gratis. Auch ein Vertrauensverlust ist möglich, dann steigen die Zinsen und die Leute holen ihr Bargeld. Die Notenbanken müssten zu noch grösseren Kunststücken greifen: Helikoptergeld etwa, also den Staat direkt mit der Notenbank finanzieren.

Wo liegt denn der springende Punkt? Bei den Banken, die ihr Geld auf den Notenbank-Konti lagern, bei den Firmen, die in ihrer Zurückhaltung die Konjunktur nicht ankurbeln oder bei den Privatpersonen, die zu sparsam sind?

Zuerst bei den Notenbanken. Sie haben eine völlig falsche Politik. Nach der Finanzkrise, als sie die ärgste Bedrohung abgewendet haben, hätten sie ab 2011 den Hahn zudrehen müssen. Weil sie das nicht taten, konnten sich unfähige, nicht kompetitive Firmen halten. Gleichzeitig haben die Leute Hemmungen, Geld auszugeben. Die Notenbanken gehen davon aus, dass die Leute mehr ausgeben, wenn sie die Märkte mit Geld fluten. Das ist eine völlig falsche Überlegung. Das Gegenteil ist der Fall. Sind die Zinsen tief, sparen die Leute noch mehr.

Es scheint fast, als sei die solide Schweiz mit Opfer der hochverschuldeten EU und «muss» mitziehen – in der Finanzkrise hatten aber auch Schweizer Banken ihren Teil beigetragen.

Es war massgeblich eine Bank, die UBS. Sie war illiquid wegen der Reaktionskette durch den Lehman-Brothers-Konkurs, als alle Banken voneinander das Geld abzogen. Aber wie sich nach ihrer Rettung durch den Staat und die Nationalbank zeigte, haben sie miteinander 6 Milliarden Gewinn gemacht.

Sie sprechen sich gegen übermässige Regulierungen aus. Hätte aber nicht genau die Finanzkrise abgewendet werden können, wenn es bei Banken und Finanzintermediären mehr Regulierungen gegeben hätte?

Das ist ein grosser Streitpunkt. Ich glaube: Die Banken haben sich darauf verlassen, gerettet zu werden. Ich sage immer: Man sollte über jede Bank – analog dem Tabak – schreiben: «Hier können Sie Ihr Vermögen verlieren». Wären sich die Leute dessen bewusst, so würde ich behaupten, braucht es keine Regulierungen. Eine zweite Möglichkeit wäre, den Banken das Geldschöpfen zu verbieten. Alle Banken würden wie die Privatbanken das Vermögen der Kunden investieren, aber nicht deren Geld in die Bankenbilanz nehmen und damit Kredite vergeben. Die Firmen müssten sich dann über Obligationen und Geldmarktfonds finanzieren, ausserhalb der Banken.

Dies wäre der Tod des heutigen Kreditgeschäfts.

Ja. Dafür würden die Banken blühen mit Beratungen, Vermittlungen und Courtagen.

Ein solches Anlageberatungsgeschäft für alle Kunden ist aber mit den heutigen Regulierungen nicht möglich.

Die Schweiz reguliert grauenhaft. Private Vermögensverwalter werden bis aufs Hemd schikaniert. Das Bundesgericht macht gar Banken verantwortlich, wenn sie Kunden an Vermögensverwalter verweisen, die sich als schlecht erweisen. Das ist unerhört!

Negativzinsen für Privatkunden können sich Banken nicht erlauben – es gebe einen «Bank Run». Wohin also müssen Notenbanken steuern?

Sie müssen mit der stupiden Geldschöpfung aufhören und wieder normale Zinsniveaus anstreben. Dann können auch die Banken wieder leben und haben Gewinne. Eine Normalisierung der Geld- und Zinspolitik ist dringend.

Wohin driftet der Euroraum?

Diese Währungsunion wird vermutlich zerbrechen. Den Euro wird es als Währungsunion von stabilen, starken Ländern wohl immer geben, aber der Euroraum wird schmaler werden. Die lateinischen Länder kommen nicht mit. Deutschland ist sich zu wenig bewusst, in welche Situation es sich damit begeben hat. Die Probleme, die weitergeschleppt und verstärkt werden, zerrütten das Parteiengefüge in ganz Europa. Die gewohnten Regierungskoalitionen werden erschüttert und dann weiss niemand, was passiert.

Das heisst?

Es ist wahrscheinlich, dass eine Regierung durch einen Coup tatsächlich in die Hände von oppositionellen Parteien kommt. Marine Le Pen hat angekündigt: Werde sie Präsidentin, gäbe es eine Abstimmung. Würde sie positiv ausfallen, wird Frankreich Staatsbankrott machen müssen, eine neue Währung schaffen, die abgewertet ist und Deutschland wird Hunderte Milliarden Euro verlieren.

Hat die Schweiz also zum jetzigen Zeitpunkt nur noch eine reagierende Rolle auf die EZB-Währungspolitik?

Ja. Eine Notenbank wählt zwei von drei Variationsmöglichkeiten: Eine eigene Geld- und Zinspolitik, die Grenzen für den Kapitalverkehr offenhalten oder den Währungskurs festhalten. Die Schweizer Nationalbank hat zu Recht an einem freien Kapitalverkehr für den Finanzplatz Schweiz festgehalten. Da bleibt nur, den Kurs festzulegen – also wie beim Euro-Mindestkurs – oder man gibt den Kurs frei und stärkt den Schweizer Franken.

Was hat der Schweizer Bankkunde also zu befürchten?

Negativzinsen hat er kaum zu befürchten, oder höchstens so, dass die Leute ihr Geld nicht bar abholen. Bargeld ist noch immer die Konkurrenz zu den Negativzinsen und wird es in der Schweiz auch bleiben. Gibt es im Ausland eine Inflation, kann die Nationalbank den Kurs des Schweizer Frankens langsam steigern. Damit könnte man den grössten Teil abfedern, nicht aber die 500 Milliarden Franken, die sie im Ausland angelegt hat.

Ist denn eine Abschaffung des Bargelds denkbar?

In der Schweiz erwarte und hoffe ich es nicht. Das gäbe einen Volksaufstand, da würde auch ich mit der Kalaschnikow vor die Notenbank (lacht). Die Notenbanken müssen begreifen, dass man mit Negativzinsen nicht einfach kutschieren kann, bis die Leute ihr Geld holen. Um es mit Dostojewskis Worten zu sagen: Geld ist geprägte Freiheit.

Erschienen im «Bieler Tagblatt» vom 7. September 2016