«Du verdienst 4000 Franken im Monat? Und die Redaktion bezahlt dir noch die Ausbildung?!», frage ich ungläubig. Auch die Kollegen neben mir starren die junge Frau mit weit aufgerissenen Augen an. Es ist ihr sichtlich unangenehm.

Wir befinden uns inmitten einer Diskussion über unsere Löhne, eine Diskussion, wie sie unter jungen Leuten nicht ungewöhnlich ist. Wir sind eine Runde junger Journalisten, alle berufstätig und in Ausbildung. Alle verdienen wir knapp genug, um unseren bescheidenen Lebensunterhalt zu finanzieren – und nicht annähernd so viel wie die eingangs erwähnte Kollegin. Dieses Schicksal hätte ich mir ersparen können. Nach der Matura schlug ich eine Laufbahn bei der Bank ein. Dies brachte mir zwar vereinzelt Spott ein, aber eben auch einen passablen Lohn. Meine Schwäche für schöne Taschen (am liebsten Longchamp und Michael Kors) und Ferien (vorzugsweise Lateinamerika) brauchte ich weder zu unterdrücken noch zu verstecken. Bei aller finanziellen Unbeschwertheit liess ich aber etwas ausser Acht: meinen Jahrgang.

Ich wurde 1993 geboren. Und damit mitten in die Generation Y. Uns wird nachgesagt, alles zu hinterfragen, daher rührt das englische Y – Why, what else?! Ebenso können wir uns, so das Klischee, schlecht entscheiden und haben uns mit ganzem Herzen der Selbstverwirklichung verschrieben. Geld ist für uns das Mittel zum Zweck, mehr nicht. Oder anders ausgedrückt: das Mittel zur Selbstverwirklichung.

Wenn ich mich in meinem Freundeskreis umsehe, bestätigt sich dies. Die meisten studieren. Nicht eines bestimmten Berufes wegen (und damit eines künftig sicheren Einkommens), sondern interessehalber. Und vermutlich auch spasseshalber. Das sieht dann so aus: Ethnologiestudenten, die weder Lehrer noch Forscher werden wollen; Theologiestudenten, die sich nicht vorstellen können, jemals für eine Kirche zu arbeiten oder Lehrer zu werden, und Sprachstudenten, die weder Sprachforscher noch – Sie ahnen es – Lehrer werden wollen. Nach dem Studium und der Erkenntnis, dass der Arbeitsmarkt wenig für sie und ihre «Special Interests» bereithält, gehen sie – mit oder ohne Abschluss – erst einmal jobben, ehe sie zu einer monatelangen Selbstfindungsreise durch Asien aufbrechen.

Zusehends machte sich auch in mir das Y-Gen bemerkbar. Statt für einen Selbstfindungstrip entschied ich mich dafür, meinem Schreibdrang nachzugeben. Ich nahm ein Volontariat bei einer Zeitung an und begann ein Journalismus-Studium. Für meine Stellung in der Gesellschaft hiess das laut einer Umfrage von 2013: Ich wechselte vom unbeliebtesten Beruf (Bankangestellte) zum zweitunbeliebtesten (Journalistin). Mein Freundeskreis hingegen war begeistert: Endlich wurde ich eine von ihnen. Von nun an suchte auch ich in der Migros nach Aktionen und reduzierten Artikeln zum Einfrieren; ich trank meinen Morgenkaffee im Büro aus einer Thermoskanne statt aus einem Starbucks-Pappbecher, und das Mittagessen landete in Ikea-Tupperware-Boxen (das Original kostet das Mehrfache) statt auf dem Restaurantteller. Ich bin zwangsläufig zu dem ge- worden, was ich mein Leben lang verabscheute: einem Geizhals. Zumindest in der zweiten Hälfte des Monats.

Dennoch: Ohne den täglichen Kampf, geprägt durch Budgetvorgaben und meine Vorliebe für schöne und teure Dinge, wäre mir rückblickend auch einiges entgangen. Meine grössten Reiseabenteuer trugen sich nicht in schicken Strandhotels zu, sondern in Billigabsteigen, wo Schlafplatz, Badezimmer und Küche geteilt werden mussten. Meine liebsten Möbelstücke sind Trouvaillen aus der Brocki, die beim blossen Anblick Geschichten erzählen – nicht jene Trendstücke aus den gehobenen Möbelgeschäften, die nur so tun, als wären sie alt und gebraucht. Und ganz nebenbei lernte ich, meine lieb gewonnenen Kleidungsstücke zu flicken, statt sie zu ersetzen, und mit den Lebensmittelresten mein nächstes Mittagessen zu kochen, statt sie zu entsorgen.

Heute, nach meiner Zwangslebensschule in Sachen Sparen, weiss ich: Trotz stetigem Kontrollblick auf mei- nen Kontostand muss ich nicht auf wenige, exquisite Zückerchen verzichten. Ich muss mein bisheriges Kauf- verhalten nur dem eines Rappenspalters anpassen. So habe ich vor Kurzem – es war sogar Ende Monat – eine Tasche von Michael Kors erworben. Auf Ricardo, gebraucht, zum halben Preis. Vom Dasein eines Geizhalses habe ich mich verabschiedet. Ich bin zu einer Sparfüchsin mutiert.

Kolumne «Generation Y» vom Juni 2016
Erschienen im Kundenmagazin «PANORAMA» der Raiffeisen