Flugangst hatte ich schon immer. Den Drang nach Abenteuer auch. Und so fand ich mich eines Tages in einem klapprigen Flugzeug wieder, auf 4000 Metern über der Pampa von Mexiko. Das Einzige, was mir mehr Angst bereitete, als rauszuspringen, war, wieder damit zu landen.

Als ich nach Mexiko kam, atmete ich Abenteuer. Über einem Teppich von Mariachi-Musik schritt ich ohne Gepäck – es kam nicht an – in starken, grossen Schritten den Flur entlang. Ich fühlte mich mutig, stark, fast schon heldenhaft. Gäbe es im Leben Slow-Motion, wäre dies der Moment gewesen. Vor mir lagen Wochen im Land des Tequilas, der Narcos und der Sprache, die wie Gesang klingt. Mit der Landung auf mexikanischem Boden – oder sagen wir, mitten in der Blech-Wüste von Mexiko City – preschte die Abenteuerlust in jede meiner Zellen vor.

Obwohl – ja, die Landung. Sie verursachte wohl ebendiesen posttraumatischen Adrenalin-Schub. Seit ich mich erinnern kann, leide ich an Flugangst. Wohl auch deshalb fühle ich mich nach jedem überlebten Flug wie Jack, der König der Welt, am Bug der Titanic. Obwohl, auch er starb am Ende. Kurzum: Das Fliegen und ich, wir werden keine Freunde mehr.

«Ich sage dir alles, was du machen musst. Oben.»

Und da war ich nun. Entschlossen, meine Angst zu überwinden und aus einem Flugzeug zu springen. Unter dem Blechdach eines simuliert wirkenden Flughafens, in einem abgelegenen Dörfchen, umgeben von Palmen. Daneben, eine Landebahn – nun, eigentlich nur ein längerer, von Rasen befreiter Streifen. Unter einem weiteren Blechdach, ein altes Flugzeug, das da stand wie ein Mahnmal.

Der Instruktor schnallte mir eine Art Klettergurt um. Armando, so hiess er, absolvierte um die zwanzig Sprünge pro Tag. Heisst: Kurze Instruktion, kurzes herumalbern fürs Video, 10.jpgins Flugzeug steigen, runterspringen, zum nächsten Kunden, kurze Instruktion und alles von vorne. Und das, den ganzen Tag. Umso überraschender war seine herzliche, ruhige Art. Vielleicht war sie gespielt. Aber sie reichte, um mich zu beruhigen.

Die Instruktion verlief tanzend. Er brachte meine Arme in die Position, die ich nach dem Absprung
g einnehmen sollte. Dann nahm er die Hand und schwang mich in Salsa-ähnlicher Manier um meine eigene Achse. Dazu rief er immer wieder theatralisch «Muy bien!» – schliesslich zeichnete die Go-Pro-Kamera an seinem verlängerten Arm ja alles auf. Auch der Instruktor meiner Schwester (die diese Grenzerfahrung mit mir teilen sollte) stieg in die Show ein. «Das ist erst mal alles, den Rest vergisst du sowieso, bis wir oben sind. Ich sage dir noch alles, was du machen musst. Oben.» Armandos Worte sollten wohl Panik in mir auslösen, stattdessen war ich froh, nicht zu wissen, was mich erwartete. Und, so banal es klingt: Das Gefühl, immer gefilmt zu werden, unter der gut gelaunten Stimme Armandos, machte mich euphorisch. Als wäre alles nur ein Film, nur Show. Es gab mir das Gefühl: Jetzt tust du etwas Grossartiges.

Dann ging es los. «Vamos!» sagte Armando kopfnickend. Ich ging mit meiner Schwester und einer Freundin, die sich ebenfalls für das Abenteuer begeistern liess, den Weg entlang zum Flugzeug. Perfekt inszeniert liess das Team der Skydive-Anlage Katy Perry über die Lautsprecher singen. «I got the eye of the tiger, a fighter, dancing through the fire, cause I am the Champion.» Gäbe es im Leben Slow-Motion, wäre dies wohl ein weiterer Moment gewesen. Armando filmte, rief mir zu, ich solle winken, das Victory-Zeichen machen, lächeln. Dass ich gleich ins Flugzeug steigen würde, liess mich in dieser heroischen Inszenierung kalt.

Für mein Todesticket habe ich kaum 100 Franken bezahlt

Das Flugzeug war leer. Keine Stühle, nur ein Cockpit und einen Boden. Wir setzten uns im Militärstil eng hintereinander. Zwei Reihen, die Hände jeweils auf die Knie des Hinteren gestützt. Etwas hinter mir meine Schwester. Irgendwo vor mir meine Freundin. Die Luft war stickig, mein Atem wurde schwer. Katy Perry war plötzlich weit weg. Ich wartete, bis sich die Tür am Kleinflugzeug schliessen würde. Stattdessen begann sich dieses in Bewegung zu setzen. Das Ding hatte keine Tür. Nur eine grosse Öffnung an der rechten Seite.

Wir nahmen Geschwindigkeit auf. Wurden immer schneller. Als die Klapperkiste vom Boden abhob, begriff ich erst: Das Cockpit war hinter mir. Wir fliegen rückwärts. Während ich in Schnappatmung ausbrach, hielt Armando mir die Go-Pro-Kamera vors Gesicht. Ich hätte sie am liebsten geradewegs aus der nicht vorhandenen Tür geworfen. Ich zitterte, mir wurde kalt. Wir nahmen an Höhe zu, immer mehr. Noch nie sass ich in einem solch beängstigenden Flugzeug. Mir wurde bewusst: Ich war in Mexiko. Es war die bescheidenste Form einer Skydive-Anlage. Es gab hier keine Touristen, nur einheimische Adrenalin-Junkies. Für mein Todesticket habe ich kaum 100 Franken bezahlt. Das Flugzeug fantasierte ich mir derweil zum ausrangierten Teil einer Drogen-Schmuggel-Flotte.

In meiner Panik fasste ich nur einen klaren Gedanken: «Ich muss hier raus! Mit Handkuss springe ich aus diesem heruntergekommenen Flugzeug, ehe ich noch damit landen muss.» Bevor ich hyperventilierte, begann mich eine flimmernde Lampe über mir zu beruhigen. Sie leuchtete rot. Darüber eine orange Lampe. Und eine grüne. Armando begann mir zu erklären – er hätte es besser unterlassen. «Solange die das rote Licht leuchtet, ist die Höhe zu niedrig, um den Fallschirm zu öffnen. Orange heisst, es wäre kritisch, aber machbar. Wenn es grün ist, springen wir raus.» Hiess für mich: Wenn ich jetzt aus diesem riesigen Loch zu meiner Rechten fallen würde, wäre ich tot.

Das Licht sprang auf orange. «Auf die Knie!», rief Armando. Ich gehorchte, den Blick nicht vom Signal abgewendet. Ich spürte, wie er meinen Gurt an seinem befestigte und jede Schnalle so eng wie möglich anzog. Dann band er mir eine hässliche rote Brille um die Augen. «Wow», gab ich zynisch von mir. «Und damit werde ich nun sterben.» Das grüne Licht blinkte. Nun ging alles ganz schnell. Wir robbten auf unseren Knien immer weiter vor. Meine Freundin sprang zuerst. Und wenn es etwas gab, das mir noch schlimmer erschien, als selbst zu springen, dann das. Sie fiel einfach aus dem Flugzeug, angebunden an ihren Instruktor. Wie ein Stein, den man beiläufig über eine Kante schiebt.

Nun kniete ich an der Kante. Vor mir das Nichts. Das 4000 Meter tiefe Nichts. Und dann bin ich einfach gesprungen.

Ich hätte Bäume ausreissen können, gäbe es die dort oben

Das Flugzeug war weg. Ich fiel. Und fiel. Armando brachte meine Hände im Flug in die korrekte Position und hielt mir die Go-Pro-Kamera vors Gesicht. Ich kreischte in die Kamera, winkte, gab ihm ein Victory-Zeichen – diesmal ganz ohne Aufforderung. Unter mir: Nichts. Ein wunderschönes Nichts. Die kalte Luft blies wie ein Orkan entgegen. Ich sah Wälder, Dörfer und einen See. Mit 180 Km/h fiel ich ihnen entgegen. Das war also der freie Fall. Eine Minute lang war ich völlig frei.

Ruckartig wurden wir gebremst. Der Fallschirm öffnete sich etwa eineinhalb Kilometer über dem Boden. Von der Waagerechten kam ich nun in eine aufrechte Haltung. Armando nahm mir die rote Brille vom Gesicht und öffnete einige Schnallen. Durchatmen. «Fantástico!» rief er. «Wie fühlst du dich?» – «Grossartig!», prustete ich. Bäume hätte ich ausreissen können, gäbe es die dort oben.

03

Wir näherten uns nun langsamer dem Boden. Ich war überwältigt, mir schossen Tränen in die Augen. Beschämt vom Kitsch, unterdrückte ich sie augenblicklich. Ein Kribbeln durchströmte den ganzen Körper. Mein Instruktor gab mir zwischenzeitlich die Zügel in die Hand, ich durfte den Fallschirm durch mein mexikanisches Paradies lenken. Ich schwebte ohnehin auf einer Wolke. Einen Drogenrausch hatte ich noch nie, aber ich war überzeugt, dass er sich genau so anfühlen würde.

Nach fünf Minuten kamen wir dem Boden unausweichlich näher. «Armando! Müssen wir rennen?», fragte ich panisch. Ich verdrängte wohl, dass auch ein Fallschirmsprung eine Landung beinhaltete. «Wir gehen», sagte Armando im gleich lieblichen Tonfall, in dem er mir die Instruktion vortanzte. Mein rechter Fuss erfasste den Boden, mein linker doppelte nach. Drei weitere Schritte und wir standen still. Ich fiel meinem mexikanischen Instruktor um den Hals. Am Boden wartete bereits meine Freundin, meine Schwester landete sogleich. Wir fielen uns in die Arme. Hätten fast geweint, konnten uns nicht erholen. Dazu im Hintergrund wieder die passende Musik – «I wanna dance by a water neath the mexican sky» von Lost Frequencies war es diesmal. Ein Freudenschrei folgte dem nächsten. Wir haben es getan. Und waren für einen Moment überzeugt: Nun können wir alles.