Interview: Mit 24 Jahren gehört Bastian Baker schon zu den international erfolgreichsten Schweizer Musikern. Bei seinem dritten Album «Facing Canyons» macht der Lausanner auch um ernste Themen wie Terrorismus und Religion keinen Bogen. Ein Gespräch über das Leben und das Sterben.

Bastian Baker, was schulden Sie eigentlich Yann Sommer, Lara Gut und Roman Josi?

Ich glaube nichts, warum?

Sie alle und viele weitere Schweizer Promis haben auf Instagram kräftig die Werbetrommel für Ihr neues Album «Facing Canyons» gerührt.

(Lacht) Das war eine ganz spontane Aktion. Angefangen hat es mit dem Schriftsteller Joel Dicker, und ich fand das ganz lustig. Dann habe ich einige Freunde angeschrieben, ob sie Lust dazu haben, und so ergab sich während zwei Wochen eine Art Teasing auf Social Media.

Sie bezeichnen sich als Singer-Songwriter. Wie viel an Ihren Songs schreiben Sie denn tatsächlich selbst?

Ich schreibe alle Songs selbst. Zudem produziere ich auch jedes Album und arrangiere alles. Das gefällt mir auch am besten: Im Studio zu sein und niemanden hinter mir zu haben, der mir sagt: «Da musst du ein Schlagzeug dazu tun und hier ein Piano.» Mich würde das frustrieren. Mit Alex Hepburn und Beverly Jo Scott habe ich aber nun je gemeinsam einen Song geschrieben. Zudem arbeite ich jeweils mit einem Freund aus Amerika. Er geht meine Songs und Texte durch, um sicherzustellen, dass es keine Fehler in den Texten hat.

Die Kritiker sind sich einig:Ihr neues Album klingt reifer als die bisherigen.

Mein erstes Album «Tomorrow may not be better» schrieb ich damals als Teenager. Das hörte man auch den Songs an. Es ging um meine Eltern und meine Gefühle in dieser Zeit. Es freut mich natürlich, wenn man meinem Album anhört, dass ich älter geworden bin.

Und in welchem Bereich sind Sie reifer geworden?

Das merkt man selber gar nicht. Wenn, dann sagen einem das andere Leute. Sicherlich kenne ich mich heute viel besser, ich weiss, wer ich als Musiker bin und wie ich mich in dieser Industrie zu verhalten habe. Gleichzeitig finde ich es aber wichtig, immer ein bisschen Kind zu bleiben.

Worin sind Sie denn immer noch ein Kind?

Ich trinke zum Beispiel noch immer jeden Morgen meine heisse Schoggi. Ich bin auch sehr neugierig und habe Lebensfreude und Spass an dem, was ich mache. Das darf man niemals verlieren.

Trotz Ihrer Lebensfreude klingen einige Songs auf dem neuen Album sehr ernst.

Es wäre für mich unmöglich, alle zwei Wochen einen Gute-Laune-Song wie «Lucky» zu schreiben. Ich denke, im neuen Album erkläre ich ein wenig mehr, was ich über das Leben denke. Etwa im Song «Ain’t no love» singe ich «Es gibt keine Sonne, wenn du dich hinter dem Berg versteckst». Das mag logisch klingen, aber es soll zeigen, dass man aus seiner Komfortzone ausbrechen muss und immer wieder neues ausprobieren. Nur so kann man Emotionen im Leben spüren – und Emotionen sind das wichtigste in der Musik. Dazu gehören eben auch tragische Ereignisse.

Der Song «Charlie from Sydney» handelt von den Terroranschlägen auf das Lindt-Café in Sydney und auf Charlie Hebdo in Paris. Was wollen Sie mit dem Song aussagen?

Ich glaube an keinen Gott, aber ich glaube an die Menschen. Deshalb sind das für mich immer sehr traurige Momente. Die Menschen, die dabei ums Leben kamen, waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Wenn du so etwas siehst, merkst du erst, wie klein deine eigenen Probleme sind.

Welche Sorgen hat denn ein erfolgreicher Musiker noch?

Bei mir dreht sich natürlich viel um das Geschäft. Ich bin immer beschäftigt und es gibt immer etwas, das ich noch besser machen könnte. Aber ich versuche umzusetzen, was ich singe. Ich kann keine Songs darüber schreiben, sein Leben komplett auszukosten und das selber nicht tun. Wenn ich also Probleme habe, jammere ich nicht stundenlang herum, sondern versuche, das Problem zu lösen.

Im Song «Two thousand years» singen Sie: «And when you die will anybody care? A few are gonna cry ‘coz they are scared» («Und wenn du stirbst, wird es jemanden kümmern? Manche werden weinen, weil sie Angst haben»). Etwas früh, sich als 24-jähriger Gedanken über den Tod und den Sinn des Lebens zu machen.

Dafür ist man nie zu jung. Aber natürlich ist jeder an einem komplett anderen Punkt im Leben. Ich habe so oft von Leuten gehört:«Ich will nicht alleine sterben.» Das ist Blödsinn, denn Tatsache ist:Du stirbst alleine. Und Leute, die deshalb weinen, haben einfach Angst vor dem Tod.

In diesem Lied geht es auch um Religion.

Ja. Ich wünsche mir, dass wir entspannter mit diesem Thema umgehen. Wenn du tot bist, wird dein Körper wieder zu Erde werden. Und an diesem Punkt ist es völlig egal, an welchen Gott du glaubst und welches Gebet du sprichst – du bist tot.

Was, glauben Sie, kommt nach dem Tod?

Erinnern Sie sich an die Zeit bevor Sie geboren wurden?

Natürlich nicht.

Genau so wird es sein.

Also nichts?

C’est ça.

Sie halten nichts von sinnstiftenden Religionen. Worin sehen denn Sie den Sinn im Leben?

Haben Sie noch drei Stunden Zeit? (lacht) Ich masse mir nicht an, mit dem, was ich sage, unbedingt richtig zu liegen. Ich kenne den Sinn des Lebens nicht. Aber was ich weiss:Das Leben ist cooler, wenn man nett ist und wenn man stets versucht, Freude zu verteilen und Spass hat. Für mich sind es Kleinigkeiten. Ein wunderschöner Sonntenuntergang etwa macht mich so happy wie nichts anderes. Ich liebe die Natur. Deshalb schätze ich es auch, in der Schweiz geboren und aufgewachsen zu sein. Ja, für mich sind es wirklich Kleinigkeiten.

In einem Interview haben Sie gesagt, dass Sie sich im Leben nur ungern für etwas entscheiden und nichts Fixes mögen. Sind Sie also ein typisches Kind der Generation Y?

Wahrscheinlich, ja. Wobei, ich muss mich schon jeden Tag für Dinge entscheiden. Häufig ändere ich halt meine Meinung wieder.

Angeblich haben Sie deshalb keine Tattoos.

Ja. Ein Tattoo ist es entweder etwas, das du aussagen willst, oder das du für die Ewigkeit haben willst. Oder aber, du willst dich daran erinnern oder es ist einfach künstlerisch schön. All das sind für mich meine Lieder, sie sind meine Tattoos. Mit ihnen drücke ich mich aus, schreibe meine Lebensphilosophien in ihnen nieder. Und die Kunst ist die Musik.

Gibt es dennoch Sachen, bei denen Sie sehr entschlossen sind?

Es gibt vieles, bei dem ich sicher bin, aber das meiste ändert sich jeden Tag. Bei so vielen Dingen habe ich meine Überzeugung geändert.

Was denn zum Beispiel?

Etwa bei Liveauftritten. Auf meiner ersten Tour, war ich sicher, zwischen den Liedern nichts zu reden und ganz amerikanisch einen Song nach dem anderen durchzuspielen.Heute mache ich nicht einmal eine Setlist und rede beim Konzert die ganze Zeit. Ich mache genau das Gegenteil von dem, was ich zu Beginn meiner Karriere tat. Wenn ich mir einer Sache sicher bin, frage ich mich deshalb stets, ob ich denn in der Zukunft auch noch so überzeugt davon bin. Das bin ich dann eigentlich nie.

Sie werden also nie heiraten.

Ich fürchte nein. Ich gehöre zu einer Generation, die weiss und erlebt hat, dass jede zweite Ehe geschieden wird. Und ich bin überhaupt nicht religiös. Ich denke, zu lieben ist schön, die schönste Sache überhaupt, aber nicht in diesem Format. Liebe braucht kein Format. Davon bin ich zumindest heute überzeugt (lacht). Fragen Sie mich in vier Jahren nochmal.

Apropos Liebe: In der Ballade «Planned it all», die Sie mit der Sängerin Alex Hepburn geschrieben haben, geht es um eine zerbrochene Liebe. Wer von Ihnen beiden hatte ein gebrochenes Herz?

Sie! Ich fand das ziemlich lustig – Sie hat damals auch auf Twitter sehr viel Scheiss über ihren Exfreund geschrieben. Eigentlich war es genau das, worum es im Song geht: Sie hatten sich alles aufgebaut, alles geplant und alles war schön. Und dann kommt etwas Kleines, und alles ist kaputt.

Auch Sie hatten einmal grosse Träume. Einst wollten Sie Karriere als Eishockeyspieler machen. Stattdessen wurden Sie Musiker – Was wäre aus Ihnen geworden, wenn auch das nicht geklappt hätte?

Wahrscheinlich würde ich auf Mauritius mit Schildkröten schwimmen. Nein ernsthaft: Eigentlich habe ich ein Journalismus-Studium in Lausanne begonnen. So oder so würde ich Musik machen. Ich hatte stets ein Instrument in der Hand, habe immer Texte oder Gedichte geschrieben. Egal wo ich sein würde, ich hätte immer eine Gitarre dabei.

Eishockey ist ein Teamsport, als Musiker sind Sie solo unterwegs – sind Sie ein Teamplayer oder ein Einzelkämpfer?

Ich sehe mich momentan als Center, Captain und Teamplayer. Ich verstehe mich in einem Team, auch wenn ich die Promo alleine mache. Und ich versuche immer auch, die Mentalität des Sports einzubringen. Der Sporthintergrund unterscheidet mich von den meisten Musikern. Das sehe ich auch bei meiner Band: Das sind wirklich andere Menschen. Sie sind toll, aber die Mentalität ist komplett unterschiedlich.

Sie waren zwei Jahre auf Reisen. Wie fühlt man sich nach so langer Zeit, nach Hause zu kommen?

Es ist jedesmal extrem schön. Ich bin immer gerne wieder in der Schweiz. Und natürlich freue ich mich immer, Freunde und Familie wieder zu treffen.

Haben Sie überhaupt ein Zuhause?

Eigentlich nicht. Ich schlafe manchmal bei meiner Grossmutter in Lausanne oder bei meinen Eltern und Freunden. Mein Schrank ist mein Auto, dort habe ich alle Kleider. Aber mir gefällt dieses Nomadenhafte.

In «Everything we do» singen Sie davon, wie man am Anfang alles aufregend findet und am Schluss doch genug davon hat. Womit ging es Ihnen zuletzt so?

99 Prozent von allem ist so für mich. Wenn ich das Gefühl habe, ich habe etwas verstanden, will ich etwas Neues. Darum bin ich auch nur eine Staffel bei «The Voice of Belgium» geblieben. Ich fand es toll, dann wollte ich wieder etwas anderes machen. Von meinen Reisen weiss ich auch, dass die Welt so viel zu bieten hat. Für mich ist es Zeitverschwendung, lange das gleiche zu tun.

Dann werden Sie von der Bühne auch einmal genug haben?

Ich denke nicht. Zum Beispiel in Rio in Brasilien kam ich sehr erschöpft an. Ich dachte wirklich, nein, heute schaffe ich das nicht. Dann ging ich auf die Bühne und das Publikum hat mich derart willkommen geheissen, dass ich sofort wieder Adrenalin hatte. Das war ein geniales Konzert. Diese Energie und das Adrenalin ist etwas, von dem du nie genug kriegen kannst. Manchmal spiele ich in einer Bar, manchmal in einer Halle und auch mal an einem Festival. Es ist niemals das gleiche. Nein, das wird mir nicht verleiden.

Erschienen im Bieler Tagblatt vom 14. November 2015